Borderline Klinik Essen
Rheinische Landesklinik für Psychotherapie
Barkhovenallee 171 – 45239 Essen
Autor: Dr. med. Simon Cohen
Auf den Stationen P 9 und P 10 der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie liegt der Therapieschwerpunkt neben der allgemein-psychiatrischen Behandlung – mit den diagnostischen Möglichkeiten einer Universitätsklinik und den wissenschaftlich aktuellen, psychopharmakologischen Behandlungsmöglichkeiten – in der ärztlichen Psychotherapie derjenigen Faktoren, die die Krankheitssymptome auslösen, verstärken und aufrecht erhalten.
Räumlich befinden sich diese Stationen nicht im Bereich des Klinikums, sondern im Süden von Essen in Heidhausen. Bedingt durch die baulichen Gegebenheiten (mehrere Treppen) können auf diesen Stationen nur Patienten behandelt werden, die in ihrer Gehfähigkeit nicht wesentlich beeinträchtigt sind.
Das Behandlungsprogramm der Stationen P 9 und P 10 wurde für Patienten konzipiert, bei denen neben der stationären psychiatrischen Behandlung und Diagnostik eine spezifische, ärztliche Psychotherapie zur Behandlung der Erkrankung erforderlich ist, insbesondere
# bei psychisch instabilen Zustandsbildern mit rezidivierenden, akuten Krisen – sofern eine Behandlung auf einer offenen Station möglich ist,
# bei psychiatrischen Zweiterkrankungen (Komorbidiät), z.B. einer Persönlichkeitsstörung oder einem Substanzmissbrauch, sofern diese unmittelbar mitbehandelt werden muß,
# wenn eine ambulante Behandlung nicht ausreichend war,
# bei ungenügender Krankheits- und Behandlungseinsicht, wenn eine ambulante Behandlung bzw. Psychotherapie (noch) nicht möglich ist,
# bei diagnostisch unklaren Krankheitsbildern.
Im Rahmen dieses Behandlungskonzeptes sollen die akuten Krankheitssymptome erkannt, geheilt oder gelindert werden, eine Verschlimmerung verhindert und geeignete Bewältigungsmechanismen entwickelt werden, damit sowohl die Stabilisierung der Behandlungserfolge, als auch die weitere psychiatrischpsychotherapeutische Behandlung in einem ambulanten Rahmen erfolgen kann.
Behandlungsformen:
Die ärztliche Psychotherapie erfolgt in Form von Einzel- und Gruppentherapie
# schulenübergreifend und bedarfsadaptiert,
# teils tiefenpsychologisch,
# teils kognitiv-verhaltenstherapeutisch,
# bei Patienten mit Boderlinestörung mit Elementen der dialektisch-behavioralen Therapie nach M. Linehan.
Die Behandlung erfolgt in einem soziotherapeutischen Setting mit
# qualifizierter Bezugspflege,
# Ergo und Gestaltungstherapie,
# konzentrativer Bewegungstherapie,
# individuellem Angstbewältigungstraining,
# Training sozialer Kompetenzen (Selbstsicherheitstraining),
# physiotherapeutischen Maßnahmen,
# individueller Unterstützung durch Sozialarbeiter zur Bewältigung psychosozialer Belastungsfaktoren.
Behandlungsablauf:
Die Aufnahme in eine der Behandlungsgruppen erfolgt bei entsprechender Indikation niedrigschwellig, entweder über ein ambulantes Vorgespräch bzw. durch Verlegung von einer anderen Station der Klinik oder über den behandelnden Facharzt, in Absprache mit der Klinik.
Die ärztliche Psychotherapie erfolgt im Rahmen eines strukturierten Behandlungsverlaufs, wobei die jeweilige Ausprägung der Krankheitsbilder individuelle Interventionen oder Variationen notwendig machen kann. Die Interaktion der unterschiedlichen Krankheitsfaktoren mit den jeweiligen Störungsbildern bedingt eine Behandlungsdauer von durchschnittlich etwa acht Wochen. Im Rahmen dieses Zeitraums verändert sich der Behandlungsschwerpunkt:
In den ersten Wochen liegt der Schwerpunkt in der störungsspezifischen Diagnostik und Therapieplanung, der Vermittlung eines adäquaten Krankheitskonzeptes und ggf. dem Beginn einer medikamentösen Behandlung. Im Rahmen der zweiten Behandlungsphase werden erforderliche Umstellungen der Psychopharmakotherapie vorgenommen, psychotherapeutisch werden kognitive und emotionale Grundannahmen, Bewertungsmuster sowie individuelle Beziehungsstrukturen erarbeitet.
In einer dritten Phase werden Zusammenhänge zwischen der Entstehung der aktuellen Symptomatik, relevanten Beziehungserfahrungen, lebensgeschichtlichen und aktuellen Konflikten sowie der Persönlichkeitstruktur bearbeitet. Konkrete Veränderungsmöglichkeiten werden im Bereich von Kognitionen, Bewertungen und Verhalten entwickelt und eine konstruktive Auseinandersetzung mit angstbesetzten, vermiedenen Problembereichen und Tätigkeiten trainiert.
Im letzten Abschnitt, der zum Teil tagesklinisch erfolgen kann, wird vor allem die Selbstkontrolle entwickelt und gestärkt, es werden zunehmend konkrete Belastungssituationen aufgesucht. Die Umsetzung der erworbenen Bewältigungs- und Bewertungsmechanismen wird weiter trainiert und die aktuelle Arzt-Patientenbeziehung abgeschlossen, so dass die Behandlung schließlich in eine ambulante Weiterbehandlung bei niedergelassenen Ärzten für Psychiatrie und Psychotherapie übergeleitet werden kann.
Therapieziele:
Die primären Ziele der Behandlung auf den Stationen P 9 und P 10 sind:
# die psychiatrische Erkrankung erkennen und behandeln,
# adäquate Krankheits- und Behandlungskonzepte entwickeln und vermitteln,
# behandlungsrelevante Faktoren und zugrundeliegende Persönlichkeitsmerkmale erarbeiten, die zur Entstehung und Aufrechterhaltung der aktuellen Erkrankung beitragen, ggf. unter Berücksichtigung eines individuellen Substanzmissbrauchs,
# relevante Zusammenhänge zwischen der aktuellen Symptomatik und den individuellen Beziehungserfahrungen, lebensgeschichtlichen und aktuellen Konflikten erarbeiten,
# adäquate Bewältigungsstrategien (Skills) bei Krisen entwickeln und einsetzen lernen,
# dysfunktionale Erwartungshaltungen und Kognitionen verändern,
# ggf. Kontakte zu nachsorgenden Einrichtungen bzw. Selbsthilfegruppen vermitteln,
# Stabilisierung der Behandlungserfolge, so dass eine ambulante, psychiatrische bzw. psychotherapeutische Weiterbehandlung ermöglicht wird.
Vorstellung der Stationen
Station P9
Die Station P 9 verfügt über 21 stationäre Behandlungsplätze, die in zwei Therapiegruppen unterteilt sind.
P 9/1:
Das Angebot dieser Gruppe ist für Patienten mit einer psychosenahen Symptomatik konzipiert, insbesondere
# diagnostisch unklare Störungen aus dem psychosenahen bzw. schizophrenen Formenkreis (schizoptype Störung, wahnhafte Störung, psychotische Symptome),
# schwere dissoziative Phänomene im Rahmen einer Borderlinestörung,
# postpsychotische Syndrome mit Irritation und/oder Erschöpfung,
# affektive Störungen und Zwangsstörungen im Umfeld einer psychotischen Symptomatik, die eine kombinierte psychiatrisch-psychotherapeutische Abklärung und Behandlung erforderlich machen.
P 9/2:
Das Angebot dieser Gruppe richtet sich an Patienten, bei denen eine Persönlichkeitsstörung bzw. eine Borderline-Störung die Behandlung der folgenden aktuellen Symptomatik erschwert
# depressive Störung,
# rezidivierende selbstverletzende bzw. suizidale Handlungen,
# somatoforme Störungen,
# bzw. die Interaktion dieser komorbiden Störungen eine kombinierte psychiatrisch- psychotherapeutische Abklärung und Behandlung erforderlich machen.
Abhängig von der jeweiligen Indikation und Therapiefähigkeit erfolgt die psychotherapeutische Behandlung in einem gestuften Setting mit unterschiedlicher Therapieintensität, von einem niederschwelligem Angebot, über regelmäßige Gruppentherapien bis zu einem gruppenübergreifenden Therapieangebot bei Borderline-Symptomatik mit Elementen der dialektisch-behavioralen Therapie nach M. Linehan.
Station P 10
Die Station P10 verfügt über 20 stationäre Behandlungsplätze, die in zwei Therapiegruppen mit unterschiedlichen Schwerpunkten unterteilt sind:
P 10/1:
Das Angebot dieser Gruppe ist für Patienten mit einer depressiven Symptomatik konzipiert, bei denen
# lebensgeschichtliche Ereignisse,
# lerngeschichtliche Faktoren,
# aktuelle Belastungssituationen,
# die aktuelle Symptomatik so deutlich beeinflussen bzw. verstärken und aufrecht erhalten, dass eine kombinierte psychopharmakologische und psychotherapeutische Behandlung unmittelbar indiziert ist.
P 10/2:
Das Behandlungsangebot dieser Gruppe richtet sich an Patienten mit
# Angststörungen,
# Zwangsstörungen,
# posttraumatischen Belastungsstörungen,
# Anpassungsstörungen,
# somatoformen Störungen.
Für die Behandlung von Angst- und Zwangsstörungen, als auch bei der Behandlung depressiver Syndrome ist die Veränderung des jeweils individuellen Vermeidungsverhaltens von großer Bedeutung; entsprechend wird die Entwicklung eines individuellen Angstbewältigungstrainings und das Training sozialer Kompetenzen gruppenübergreifend angeboten.
Zusätzlich zu den oben aufgeführten primären Behandlungsangeboten gibt es auf den Stationen P9 und P10 bei entsprechender Indikation die Möglichkeit einer kurzfristigen stationären Behandlung zur Krisenintervention bzw. zur Einleitung einer adäquaten, ggf. auch ambulanten Behandlung.
Für Rückfragen wenden Sie sich bitte persönlich an den diensthabenden Arzt der Klinik (Tel.: 0201 7227-0) oder ggf. per Email an den zuständigen Oberarzt der Stationen simon.cohen@uni-essen.de